Im Januar fand der lang erwartete erste „Runde Tisch“ in Klein Borstel statt. Um eine gute und effektive Integration der Neubürger aus der Wohnunterkunft am Anzuchtgarten zu ermöglichen, ist ehrenamtliches Engagement gefragt und gewünscht. Der Betreiber der Unterkunft am Anzuchtgarten „fördern & wohnen“ (f&w) sowie das Bezirksamt Hamburg Nord hatten zum Runden Tisch eingeladen. Ursprünglich sollte dieser bereits vor einem Jahr erstmalig stattfinden. Durch die gerichtlichen Auseinandersetzungen um den Standort und die Größe der Flüchtlingsunterbringung, kam es nun mit einem Jahr Verspätung zum ersten Treffen. Rund 100 Menschen aus Klein Borstel folgten dem Ruf in die Aula der Albert-Schweitzer-Schule, um sich zu informieren und ihre Bereitschaft zu zeigen, an der Integration der neuen Nachbarn mitzuwirken.

So gut wie fertig

Inzwischen sind alle elf Wohncontainer fertiggebaut und mit den nötigen Installationen für Strom und Wasser in Betrieb gegangen. Die Zuwegungen zu den Häusern sind da, nur die Außenanlagen sowie die Straßen innerhalb des Geländes sind noch im Bau. Aufgrund der kalten Witterung kam es hier zu kleinen Verzögerungen. Im Frühjahr spätestens sollen auch Rasen sowie weiteres Grün gepflanzt sowie die Spielgeräte montiert werden. Die Pforte für einen Zugang zum Friedhof ist bereits eingebaut. Sobald die Straßenarbeiten abgeschlossen sind, ist auch hier eine Zuwegung möglich.
Voraussichtlich bereits Anfang Februar sollen alle Wohnungen mit Geflüchteten belegt sein. Die Zahlen vom 17. Januar (219 Bewohner) sind insofern schon nicht mehr aktuell, zeigen dennoch die Tendenz. Mit 17 Prozent bilden die alleinstehenden Männer die kleinste Gruppe der Bewohner. Der Anteil von Familien mit Kindern liegt bei über 80 Prozent (davon 35 Prozent Kinder). Bei den Kindern sind die 0 bis 5-Jährigen (rund 50 Prozent) am Häufigsten vertreten, dann folgen mit rund 25 Prozent die 6 bis 10-Jährigen. 15 Prozent sind zwischen 11 und 16 Jahren. Die kleinste Gruppe sind mit rund 3 Prozent die knapp unter 18-Jährigen. Beim den Interessierten am Runden Tisch stellte sich angesichts der Zahlen sofort die Frage nach Betreuung und Beschulung. Hans-Jürgen Schinowski von f&w konnte berichten, dass – zunächst begrenzt bis zum Sommer – aktuell eine vor Ort-Betreuung in einem der Gemeinschaftsräume durch Kita-Mitarbeiter vom Roten Kreuz für die 3 bis 6-Jährigen in Planung ist. Danach müsse man weiterschauen. Kita-Plätze in den Regelkindergärten in Klein Borstel gebe es aktuell nicht. „Da ist einiges angedacht, aber es wird wohl noch dauern, bis wir konkrete Ergebnisse präsentieren können, so Schinowski weiter. Auch für die Schulkinder sind Vorbereitungsklassen an der Strenge-Schule eingerichtet bzw. werden Plätze an den umliegenden Schulen bereitgestellt. Wer wohin geht, hängt vom Alter und den Deutschkenntnissen des jeweiligen Kindes ab.

Aktive Arbeitsgruppen

Die Herkunft der Bewohner ist breit gefächert: Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Palästina, Eritrea, Benin, Ägypten, aber auch aus Russland. Einige sind staatenlos. Hergezogen sind sie aus Erstaufnahmen der Hansestadt, aber auch aus Folgeunterkünften, die geschlossen wurden. Der Großteil der Bewohner hat den Status „anerkannter Asylbewerber“ oder eine positive Bleibeperspektive. Womit der Runde Tisch zu dem Teil kam, für den er eigentlich gedacht ist: ehrenamtliches Engagement finden und bündeln. Aktuell sind in ganz Hamburg rund 4000 Menschen ehrenamtlich in den Unterkünften von f&w tätig. In Klein Borstel sind es bereits rund 100, die über den Verein „Klein Borstel hilft“ organisiert werden. Dessen Vorsitzende Ilka Mamero stellte die existierenden Projekte in der Begegnungsstätte Pastorat wie „Café“, Sprachkurse, Sportgruppe, interkulturelles Gärtnern, aber auch die unabhängige Fahrradwerkstatt im Neubaugebiet kurz vor und betonte, dass die Aktivitäten von „Klein Borstel hilft“ auf keinen Fall in Konkurrenz zu denen vom Runden Tisch stehen sollen, sondern im Gegenteil eine sinnvolle Ergänzung seien. Der große Unterschied ist: Wer sich in der Unterkunft direkt, und damit unter dem Dach von f&w engagieren möchte, muss eine Vereinbarung unterschreiben, die das Ehrenamt auch rechtlich absichert. Eine Formalität, die aber durchaus sinnvoll ist und auch den Zugang zu Weiterbildungsmöglichkeiten bietet.

Wer keine Zeit hatte, zum Runden Tisch zu kommen, aber den Drang zum Helfen spürt, kann sich immer mittwochs von 14 bis 15 Uhr in der offenen Sprechstunde von f&w direkt in der Unterkunft melden. Vor Ort kümmern sich fünf Hauptamtliche sowie zwei technische Mitarbeiter um das Organisatorische. Leiterin Linda Damhuis sowie ihre Mitarbeiter sind zuständig für die Beratung und damit einhergehend die Orientierung der Bewohner hinsichtlich sozialer Strukturen in Hamburg. Dazu gehört Beratung zu Behörden, Jobs, Sprachkursen, Medizinischem, Rechtlichem und einigem mehr. Dass bei über 400 Bewohnern die Unterstützung Ehrenamtlicher vor Ort willkommen ist, steht außer Frage. Und so entstanden am Ende des Abends insgesamt acht Arbeitsgruppen, die helfen möchten, dass eine gute Integration auf den Weg gebracht wird: Sprachunterricht, Berufliche Entwicklung, Kinder (inklusive Theaterspiel), Senioren, Kochen, Werken, Wie funktioniert Deutschland sowie eine Schul-AG für den Spracherwerb für Kinder, die über die Albert-Schweitzer-Schule organisiert wird.

Es wurde am Abend auch deutlich, dass hier nur ein Anfang gemacht wurde, denn der jeweilige Bedarf kann sich entwickeln und ändern. Wer heute Hilfe bei der Sprache benötigt, braucht morgen vielleicht Unterstützung bei der Jobsuche oder dem Gang zur Behörde. Wer heute noch Kinderbetreuung sucht, möchte morgen eventuell mit jemandem mal Alltagsdeutsch reden. Auch hier ergaben sich Ideen, wie man den Bedarf ermitteln und versuchen kann, engagierte Menschen dafür zu finden.
Der nächste Runde Tisch findet voraussichtlich Ende März, Anfang April statt und soll erste Ergebnisse präsentieren, kann aber auch von weiteren Interessierten gerne besucht werden. Das Bezirksamt lädt über einen Mailverteiler sowie Aushänge zeitnah dazu ein.